Marseille

Der Großmarkt in Marseille – vom Wegwerfen zum Weitergeben

Enkelkind mit riesigen Mangoldblättern vor dem Gesicht

Jährlich werden in Deutschland Millionen Tonnen genießbarer Lebensmittel von Supermärkten entsorgt – während gleichzeitig viele Bedürftige bei den Tafeln kaum ausreichend versorgt werden können. Dennoch macht sich hierzulande weiterhin strafbar, wer noch verwertbare Lebensmittel aus Müllcontainern entnimmt.

Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass es auch anders geht: Dort werden Supermärkte mit einer Verkaufsfläche von mehr als 400 Quadratmetern gesetzlich verpflichtet, genießbare Lebensmittel entweder selbst weiterzuverwenden oder an gemeinnützige Organisationen – etwa an Tafeln – zu spenden. Alternativ dürfen die Waren zur Herstellung von Tierfutter, zur Kompostierung in der Landwirtschaft oder zur Energiegewinnung genutzt werden. Bei Verstößen droht eine Geldstrafe von bis zu 3.750 Euro. Ziel ist es, die Lebensmittelabfälle deutlich zu reduzieren.

Ein Beispiel ist der Großmarkt in Marseille, auf dem bislang jährlich bis zu 2.400 Tonnen Obst und Gemüse vernichtet wurden – obwohl sie noch genießbar waren. Seit Anfang 2021 ist damit für viele Großhändler Schluss. Nicht mehr verkäufliche Waren gehen nun an die „Association Fruits et Légumes Solidarité“. Die Idee stammt von der gemeinnützigen Organisation Banque Alimentaire, die auch die weiterverarbeiteten Produkte an unterschiedliche Hilfsorganisationen verteilt.

Die Großhändler können sich 60 Prozent des Warenwertes steuerlich anrechnen lassen – ein zusätzlicher Anreiz zur Weitergabe. Wenn für eine direkte Verteilung nicht genug Zeit bleibt, werden die Lebensmittel unmittelbar weiterverarbeitet, etwa zu Suppen, Marmeladen oder Säften. Perspektivisch sollen 75 Prozent der Produkte gespendet, der Rest verkauft werden. Dieses Zusammenspiel aus gesetzlicher Verpflichtung, steuerlichem Anreiz und praktischer Infrastruktur zeigt, wie sich Lebensmittelverschwendung wirksam reduzieren lässt.

Da die Herstellung von Lebensmitteln das Klima erheblich belastet, endet Nachhaltigkeit nicht bei Anbau und Produktion. Auch Handel, Logistik und Verbrauch tragen Verantwortung. Frankreich demonstriert, dass klare Rahmenbedingungen und organisierte Strukturen messbare Wirkung entfalten können.

Aktualisierter Blick nach NRW

In Nordrhein-Westfalen hat sich die Diskussion um Großmärkte zuletzt konkretisiert. Der klassische Großmarkt am Standort Ulmenstraße in Düsseldorf-Derendorf wurde zum 31. Dezember 2024 als städtische Einrichtung endgültig geschlossen.  Er diente Fachkundigen – also Händlern, Gastronomiebetrieben und gewerblichen Großkunden – als Umschlagplatz für frisches Obst, Gemüse, Blumen und weitere Waren. Seit Anfang 2025 sind viele Händler und der Frischegroßhandel im neuen Standort „City Dock Düsseldorf Hilden“ im Gewerbegebiet der Nachbarstadt Hilden angesiedelt.

Damit zeigt sich: Während Frankreich Großmärkte und deren Rolle für Versorgung und Verwertung stärker in strukturierte, gemeinnützige Konzepte einbindet, wird in NRW vor allem organisatorisch und standortbezogen umgebaut.

In Spanien gelten Großmärkte als Teil der staatlich mitgetragenen Versorgungsarchitektur. Durch zentrale Koordination, staatliche Beteiligung und politische Anerkennung als systemrelevant sind sie strukturell stärker abgesichert als in Deutschland.

Die Frage bleibt, wie solche Strukturen künftig gezielt zur Reduzierung von Lebensmittelverschwendung und zur Stärkung der regionalen Ernährungssicherheit genutzt werden können.

externer Link: Video zdfheute v. 25.05.2024 „Wie in Marseille Lebensmittel gerettet werden“