– oder das geheime Leben nach Einbruch der Dunkelheit
Ein Kleingarten ist ja eigentlich ein Rückzugsort. Ein Fleckchen Erde, auf dem man in Ruhe seine Pflanzen pflegt, sein Gemüse hegt und vielleicht das eine oder andere Vögelchen beim Baden in der Vogeltränke beobachtet. Eigentlich.
Doch wie wir in diesem Jahr feststellen mussten, sieht die Sache in der Dunkelheit ganz anders aus. Denn wenn wir Menschen schlafen, beginnt eine ganz andere Schicht mit der Gartenarbeit – und das nicht immer zu unserer Freude.
Der Maulwurf – der Hobbygärtner im Untergrund
Es begann harmlos. Eines Morgens fanden wir unsere Wiese übersät mit kleinen Erdhügeln. Hier ein Haufen, dort ein Haufen, und als wir anfingen zu zählen, kamen wir über zwanzig Maulwurfshügel. Unser kleiner grüner Teppich hatte sich über Nacht in eine Kraterlandschaft verwandelt. Doch wir nahmen es sportlich.
„Gut, dann ist unser Boden wenigstens locker und luftig“, sagten wir uns, während wir resigniert die Schubkarre holten. Immerhin konnte die aufgeworfene Erde für unsere Hochbeete wiederverwendet werden – also hatte der Maulwurf am Ende doch noch eine sinnvolle Aufgabe erfüllt. Einen weiteren Trost gibt es: Maulwürfe bevorzugen nämlich nur guten, gesunden Boden. Das heißt, unser Garten scheint eine erstklassige Adresse für seine unterirdischen Grabungsarbeiten zu sein. Und wenn er sich schon kostenfrei bei uns einlogiert, dann soll er doch bitte wenigstens alle Schädlinge wie Schnecken, Engerlinge oder Raupen mitnehmen. Schließlich soll sich so ein Luxusaufenthalt ja auch für uns lohnen!
Das Rätsel um das verwüstete Hochbeet
Doch damit nicht genug. Wenige Nächte später erwartete uns eine noch größere Überraschung. Unsere Hochbeete – mit stolzen 80 cm Höhe – sahen aus, als wäre eine Horde Wildschweine mit einem Bagger darüber gerollt. Karotten, Salat und Zwiebeln lagen plattgetreten auf der Erde. Unser Besucher hatte ein großes Loch im Holzzaun hinterlassen. „Na, wenn das der Maulwurf war, dann hat er aber kräftig zugelegt“, murmelte meine Gartennachbarin kopfschüttelnd. Doch wer oder was konnte sich in dieser Höhe auf unser Gemüse stürzen? Ein Waschbär mit Höhenangst? Ein Kaninchen auf Stelzen? Zum Glück haben wir ja heutzutage moderne Technik. Also stellten wir eine Wildkamera auf, um dem nächtlichen Gemüseräuber auf die Spur zu kommen.
Der mysteriöse Besucher – und die große Enthüllung
Am nächsten Morgen eilten wir neugierig zur Kamera. Und siehe da – unser Dieb war überführt. Ein Dachs! Nacht für Nacht drehte er seine Runde durch unseren Garten, stöberte im Hochbeet herum und schien mit großem Interesse nach etwas Bestimmtem zu suchen. Wobei – eigentlich suchte er nicht, er buddelte. Und was er nicht fand, wurde kurzerhand zertreten. Warum unser Gemüse dabei immer unter die Räder – oder besser gesagt: unter die Tatzen – kam, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht war er auf der Suche nach einer unterirdischen Delikatesse – saftigen Engerlingen, die seinen nächtlichen Streifzug lohnenswert machten.
Die Gärten als nächtliches Buffet
Doch unser Dachs war nicht der einzige Besucher. Ein Marder machte neugierig seine Runde, schlängelte sich durch die Zäune und beschnupperte alles, was nicht niet- und nagelfest war. Auch eine Katze tauchte regelmäßig auf – ob auf der Jagd oder einfach nur, um sich gemütlich im Beet auszustrecken, blieb unklar.

Und dann war da noch die Geschichte mit den Rehen in den 90ern. Damals wurde den Pächtern erlaubt, ihre Zäune auf 1,60 Meter zu erhöhen, weil sich die Tiere scheinbar für Stammgäste hielten. Manch einer kam morgens in seinen Garten und fand, dass der Salat über Nacht auf mysteriöse Weise verschwunden oder angefressen war – die Rehe hatten sich einfach selbst bedient.
Die Kröte Ute
Aber nicht nur an Land, auch in unserer Regentonne tummelte sich ein unerwarteter Besucher. Eines Morgens entdeckten wir eine plumpe Kröte, die es sich in dem eingelassenen Regenwasserreservoir gemütlich gemacht hatte. Ob sie dort schwimmen wollte, Abkühlung suchte oder sich einfach als Königin des Fasses fühlte, konnten wir nicht genau sagen.Jedenfalls schien sie kein Interesse daran zu haben, ihren neu entdeckten Wellnessbereich zu verlassen. Sie hockte dick und zufrieden auf der Wasseroberfläche, als hätte sie das große Los gezogen. Mit einem unbeeindruckten Blick ließ sie uns wissen: „Dieser Pool gehört jetzt mir.“
Wir überlegten kurz, ob wir sie heraussetzen sollten – entschieden uns aber dagegen. Schließlich schien sie sich dort so wohlzufühlen, dass wir ihr ihren Platz nicht streitig machen wollten. Vielleicht hätten wir ihr noch ein paar Seerosenblätter besorgen sollen, damit das Ambiente perfekt wäre.
Die Schnecken – kleine Gourmets mit großem Appetit
Ah, fast hätten wir sie vergessen – die Schnecken! Während Dachs und Marder zumindest noch ein paar Pflanzen unversehrt ließen, war das bei diesen glitschigen Feinschmeckern nicht der Fall. Eines Morgens betraten wir den Garten und mussten feststellen: Unser liebevoll neu bepflanzter Kräutergarten war kahl gefressen – über Nacht! Die Schnecken hatten ganze Arbeit geleistet und sich an Petersilie, Basilikum, Oregano, Sauerampfer, Thymian, Salbei und Minze gütlich getan. Alles weg. Kein einziges Blättchen war übrig.

Ich stand da, den leeren Kräuterbereich betrachtend, und verspürte nur noch eines: pure Resignation. Ein halbes Jahr hatten wir geplant, gepflanzt, gegossen – und in nur einer Nacht hatten diese gefräßigen Biester das Werk zunichtegemacht. Aber gut, wer einmal im Garten arbeitet, lernt: Jede Niederlage ist nur ein Ansporn für das nächste Jahr. Also werde ich mich nicht entmutigen lassen. 2025 wird ein neues Kräuterjahr – mit oder ohne Schnecken. Mal sehen, wer diesmal gewinnt.
Ein Garten für alle – ob mit oder ohne Einladung
Dass sich unsere tierischen Nachbarn sowohl bei uns fühlen, ist eigentlich kein Wunder. Unsere Gartenanlage grenzt direkt an ein Landschaftsschutzgebiet und einen Wald – und wir Menschen scheinen hier ein ziemlich gutes Buffet aufgebaut zu haben. Obwohl wir manchmal fluchen, wenn der Garten nach einer Nacht aussieht wie ein Schlachtfeld, nehmen wir es mit Humor. Schließlich zeigt es uns, dass unser kleines Stückchen Grün lebendig ist – und dass wir nicht die Einzigen sind, die die Natur zu schätzen wissen.
Und wer weiß, vielleicht bauen wir ja irgendwann einen offiziellen Eingang für unsere tierischen Besucher. Dann können sie ihre Gartenrundgänge wenigstens ohne Zerstörung durchführen. Bis dahin gilt: Wir pflanzen – und die Tiere gestalten um.
aus: Gärten für Generationen | 1934 bis 2024 | Chronik, Geschichten , Anekdoten, Illustrationen| KGV Essen-Haarzopf e.V. | verfasst von Klaus Holz alias Mann von ackerfee